Pädagogik im deutsch-russischen Jugendaustausch:
Nähe - Kommunikation - Miteinander

Wortreich im Austausch – Sprachanimation in deutsch-russischen Begegnungen

Kommunikation und Verständigung unter den Teilnehmenden gehören zu den Schlüsselelementen eines gelungenen Austausches – unabhängig davon, ob die Begegnung digital oder analog stattfindet. Nur wer miteinander in Kontakt kommt, kann auch etwas von sich erzählen oder von anderen erfahren. Doch wie funktioniert das, wenn die Teilnehmenden unterschiedliche Sprachen sprechen? 

Russisch- und Deutschkenntnisse sollten keine Voraussetzung für die Teilnahme an einem Austausch sein. Bei gemeinsamen Programmpunkten kann die Verständigung durch Dolmetschen und Sprachmitteln sichergestellt werden. Gleichzeitig gibt es bei Begegnungen jedoch auch viele informelle Momente, in denen keine Sprachmittlung stattfindet, die aber für das Entstehen von Freundschaften und den Gruppenzusammenhalt wichtig sind. Damit Teilnehmende auch hier zusammenfinden, helfen ihnen regelmäßige Sprachanimationsübungen dabei, natürliche Kommunikationsweisen und Neugier auf die Partnersprachen zu entwickeln sowie erste Grundkenntnisse der Fremdsprache zu erwerben.

Was ist Sprachanimation?

Sprachanimation bedeutet, eine Sprache mit Leben zu füllen oder Menschen zum Sprechen einer Sprache zu ermuntern. Durch Bewegungs- und Gruppenmethoden wird ein bestimmter Wortschatz vermittelt und Interaktion befördert. Dadurch lernen sich die Teilnehmenden besser kennen, entwickeln Vertrauen zueinander und erhalten Hilfsstrategien zur Kommunikation, die sie auch außerhalb der eigentlichen Sprachanimationsübung in der Begegnung nutzen können. Sprachanimation sollte sich deshalb immer an den sprachlichen Bedürfnissen und den Inhalten der Begegnung orientieren. Sprachliche Perfektion und klassischer Spracherwerb stehen bei der Sprachanimation nicht im Vordergrund. 

INFO

Grundlage der Sprachanimation bildet ein Forschungsprojekt der Uni Bielefeld, bei dem in den 1990er Jahren deutsch-französische Jugendbegegnungen begleitet wurden, um zu untersuchen, wie die natürliche Kommunikation zwischen den Teilnehmenden funktioniert und welche Strategien sie dafür nutzen. Anhand der Erkenntnisse wurden vielfältige Methoden entwickelt, um die Jugendlichen dabei zu unterstützen, voneinander zu lernen und Wege zur Verständigung zu finden. 

Sprache in Bewegung - Sprachanimation

Die Methoden der Sprachanimation sind so vielseitig, dass es für alle Altersgruppen, Sprachniveaus und Gruppensituationen geeignete Übungen gibt, um Sprache und Verständigung ohne längere Lerneinheiten immer wieder einfließen zu lassen. Bereits kurze Energizer können bestens mit Sprachanimation verbunden werden. Diese Übungen greifen u.a. Elemente aus der Spiele-, Erlebnis- und Theaterpädagogik sowie dem Tandemlernen auf und legen dabei den Fokus auf das Erleben und Anwenden von Sprache. Für den deutsch-russischen Kontext wurden zusätzlich Methoden entwickelt, die ein einfaches Kennenlernen der kyrillischen Buchstaben ermöglichen. 

Ziele der Sprachanimation

In erster Linie möchte Sprachanimation die Neugier auf die Teilnehmenden aus dem anderen Land, deren Sprache und Kultur wecken. Durch den spielerischen Ansatz werden Ängste vor der Fremdsprache und vor unbekannten Personen überwunden sowie die Gruppendynamik gestärkt. Dies ermöglicht wiederum ein besseres Kennenlernen der Teilnehmenden untereinander und schafft Vertrauen. Gleichzeitig zielen die Übungen auch darauf ab, dass sich Jugendliche mit geringen Fremdsprachenkenntnissen verständigen können und Strategien entwickeln, um voneinander und miteinander zu lernen, so dass sie über einen Grundstock an wichtigen Vokabeln in der Fremdsprache verfügen können. 

Sprachanimation in der Praxis

Sprachanimation passt in jede Phase des Austausches und sollte da auch ihren Platz finden. Über das Kennenlernen hinaus stellen Sie damit u.a. sicher, dass die Jugendlichen über ausreichend Sprachkenntnisse für die Bearbeitung eines gemeinsamen Projekts verfügen und auch in wechselnden Kleingruppen vertrauensvoll zusammenfinden. Um Sprachanimation während der Begegnung erfolgreich einzusetzen, sollten Sie bei der Planung jedoch einige Rahmenbedingungen im Blick behalten: 

  • Schaffen Sie möglichst viele Kontaktsituationen für die Teilnehmenden, z.B. durch gemeinsame Projektarbeit, sprachlich gemischte Tandems in Programm und Freizeit oder einen Gruppenraum, der auch in der informellen Zeit genutzt werden kann.
  • Schauen Sie, ob es außer Deutsch und Russisch noch andere Herkunftssprachen gibt, die in der Gruppe eine Rolle spielen und planen Sie diese ggf. in die Sprachanimationsübungen mit ein. 
  • Planen Sie für jeden Tag mehrere kleine Sprachanimationseinheiten ein oder verbinden Sie Sprachanimationsübungen mit anderen geplanten Programmaktivitäten. 
  • Versuchen Sie Inhalte der Sprachanimationseinheiten zu visualisieren und halten Sie diese auch über die Durchführung der Methode hinaus im Gruppenraum sichtbar, so dass die Teilnehmenden auf die neuen Vokabeln zurückgreifen können. 
  • Achten Sie bei der Auswahl der passenden Sprachanimationsmethode immer auf die Phase der Begegnung und darauf, wie vertraut die Teilnehmenden bereits miteinander sind. 

Tipp

Variieren Sie bei der Auswahl der Sprachanimationsübungen die methodischen Schwerpunkte, um die Teilnehmenden von der Pantomime, über Visualisierung bis hin zur Übersetzungsapp mit möglichst vielen Kommunikationsstrategien vertraut zu machen.  

Info

Die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch bietet regelmäßig Sprachanimationsworkshops an, in denen Sie viele Methoden kennenlernen und ausprobieren können, um sie anschließend bei Ihrer eignen Begegnung zu nutzen. Zu den weiteren Inhalten gehören die Grundlagen und Ziele der Sprachanimation sowie Gruppendynamik und die Rolle des Sprachanimateurs.

Sollten Sie lieber auf Unterstützung von erfahrenen Sprachanimateurinnen oder Sprachanimateuren setzen, werden Sie beim Team Drusja der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch fündig. Bei Begegnungen in Deutschland oder digitalen Formaten können die Teammitglieder zu ihrem Austausch dazukommen und an ein bis zwei Tagen im Programmverlauf mit Sprachanimationsübungen unterstützen.  

Henrike Reuther arbeitet als Programmleiterin Sprachanimation bei der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch, wo sie Workshops für Fach- und Lehrkräfte zur Sprachanimation leitet, die Einsätze der Team-Drujsa-Mitglieder koordiniert und Sprachanimationsmaterialien zum Einsatz bei deutsch-russischen Begegnungen erstellt. 

Links und Literatur:

 

  • Einen Eindruck davon, wie Sprachanimation in der Praxis funktioniert, vermitteln die Sprachanimationsfilme der Stiftung.
  • Weitere Videos zu konkreten Methoden finden Sie hier.
  • „Spiel, Spaß, Sprachanimation – Russisch in 26 Spielen“ ist die Methodensammlung zu Sprachanimation der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und kann im Onlineshop bestellt werden.
  • Eine Community von Sprachanimateuren und Sprachanimateurinnen sowie eine umfangreiche Sammlung an praxiserprobten Sprachanimationsübungen finden Sie auf der Plattform Projektwelt im Projekt „Methodensammlung Sprachanimation“. Eine Anmeldung auf der Plattform ist erforderlich.
  • Das ABC-Buch der deutsch-polnischen Sprachanimation – die Methodensammlung des Deutsch-Polnischen Jugendwerks bietet weitere Anregungen für den praktischen Einsatz von Sprachanimation.
  • Bewegte Sprachanimation / sportliche Sprachspiele – Eine Methodensammlung für internationale Begegnungen im Sport.