Pädagogik im deutsch-russischen Jugendaustausch

Zwei Länder. Viele Individuen. Eine Idee: Gruppenbildung und -dynamik im Jugendaustausch

Anne Schieferdecker und Gunnar Zamzow

Eine Begegnung braucht Vorbereitung, deswegen muss die Planung eines internationalen Jugendprojekts frühzeitig und strukturiert begonnen werden. Die Vorbereitung sorgt dafür, dass das eigentliche Projekt mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit erfolgreich ist und die erhofften Ergebnisse bringt. Hierbei sind organisatorische Fragen genauso wichtig wie das Verständnis für und die Berücksichtigung von sozialen Prozessen in der Gruppe.

Um Ihr Begegnungsprogramm zu planen und geeignete Methoden zur Umsetzung zu finden, sollten Sie sich zunächst mit der Zusammensetzung Ihrer Gruppe befassen. Kennen sich die Teilnehmenden der Ländergruppen bereits vorher– z.B. weil sie Mitglieder einer festen Gruppe sind – oder begegnen sie sich im Rahmen der Begegnung erstmalig? Wird beim Blick auf die Anmeldungen eine besondere Gruppenzusammensetzung (Altersstruktur, regionale Streuung etc.) deutlich, die Sie schon im Vorhinein berücksichtigen können?

Die beteiligten Partnerorganisationen bereiten zunächst die Begegnung federführend vor, sie müssen zusätzlich die Interessen von äußeren Kooperationspartnern, öffentlichen Organisationen bzw. Institutionen (Kommune, VISA-Stellen etc.), der Jugendlichen und ihrer Eltern berücksichtigen. Eine wiederkehrende Routine in der Vorbereitung und Durchführung einer Jugendbegegnung stellt sicher, dass die gewonnenen Erfahrungen in neue Projekte einfließen können. Eine entsprechende Dokumentation in Form von Ablaufplänen, Fotoprotokollen und Gesprächsnotizen ist dabei sehr hilfreich.

Tipp

Auch die Abstimmung innerhalb des Leitungsteams kann eingeübt und schon im Rahmen der Programmplanung praktisch ausprobiert werden. Alle Fragen, die bereits im Vorhinein diskutiert worden sind, führen während der Begegnung nicht zu Missverständnissen und ggf. Konflikten in der Gruppe der Leitungspersonen.

Bei der Planung sind vorhersehbare Aufgaben im Sinne einer organisatorischen Projektsteuerung von gruppendynamischen Prozessen während der Jugendbegegnung zu unterscheiden. Auch das Zusammenkommen von jungen Menschen in Gruppen unterliegt unserer Erfahrung nach vorauszusehenden Effekten. Die Programmplanung kann diese Entwicklungen antizipieren und durch methodische Interventionen gezielte eigene Impulse setzen. Wir haben für Sie einen schematischen Ablauf zusammengestellt, um die einzelnen Phasen einer Jugendbegegnung und die jeweiligen gruppendynamischen Prozesse zu illustrieren.

Die genannten Etappen einer Jugendbegegnung basieren auf den gesammelten Erfahrungen vieler Jahre in der Jugend- und Bildungsarbeit und bilden damit einen guten Ausgangspunkt für die Planung eines eigenen Projekts. Trotzdem werden nicht alle genannten Aspekte in jeder Begegnung genauso eintreffen. Gruppenprozesse verlaufen immer anders als geplant und das ist auch gut so J. Die Spontanität aller Beteiligten und die Improvisation im Umgang miteinander sind das Salz in der Suppe und machen die Essenz einer tatsächlichen Begegnung aus.

Aus unserer Sicht hilft aber eine Grundvorstellung von dem, was in der Jugendbegegnung passieren kann und soll (inhaltlich, methodisch, menschlich) dabei, im Detail die richtigen und angemessenen (spontanen) Entscheidungen zu treffen und sich im Bedarfsfall auch bewusst vom vorherigen Plan – zumindest zeitweise – zu verabschieden. Ziel sollte nicht sein, ein im Vorhinein „theoretisch“ festgelegtes Programm durchzuziehen, sondern besonders auf die individuell auftretenden Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmenden einzugehen und diese in den Programmablauf aufzunehmen.

 

Anne Schieferdecker und Gunnar Zamzow haben langjährige Erfahrung aus der Jugend- und Bildungsarbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.  Anne Schieferdecker ist dort u.a. zuständig für die Entwicklung der internationalen Jugendbegegnungsprogramme, darunter auch im Kontext deutsch-russischer Begegnungsarbeit. Gunnar Zamzow ist mittlerweile für die Volkshochschule Region Kassel tätig und hier insbesondere im Bereich der Politischen Bildung aktiv.

Wissenswertes

Gruppendynamik wurde als Begriff durch den Psychologen Kurt Lewin 1939 geprägt. Er beschreibt die Erkenntnis, dass eine Gruppe mehr als die Summe ihrer Mitglieder ist und bei positiver Dynamik ein Ziel effektiver erreicht werden kann.

Ausführlich nachzulesen in diesem Artikel und auch in diesem Video

Die Gedanken von Lewin hat Ruth Cohn mit weiteren Ansätzen u.a. aus der Psychologie zusammengeführt und daraus das Konzept der Themenzentrierten Interaktion (TZI) entwickelt. Das eignet sich als Grundprinzip für die Leitung von Gruppen und Gestaltung dynamischer Lernprozesse in Gruppen.

Außerdem wir häufig das Phasenmodell der Teamentwicklung von Bruce Tuckman, das für das Verständnis von professionellen Teams entwickelt wurde, für das Verständnis von Gruppenprozessen in internationalen Begegnungen als hilfreich empfunden.

Lesenswertes

Michaela Tscherne beschreibt 2017 in Ihrem Artikel Gruppendynamische Besonderheiten am Beispiel von Projektarbeiten in der Sekundarstufe wie wichtig gruppenspezifische Dynamiken für das Erwerben von Kompetenzen - soziale und fachliche - innerhalb eines Projektes sind. Diese Erkenntnisse lassen sich sowohl auf den schulischen, wie auch außerschulischen Jugendaustausch beziehen.

Einen praxisorientierten Zugang zur Gestaltung internationaler Jugendbegegnungen mit hilfreichen Tipps finden Sie hier.